Die Kunst der Trachtenschneiderei 

Ein Besuch im Nähatelier «Die Tradition» von Jrene Burkhalter in Affoltern i. E. zeigt, wie aufwendig und mit wie viel Handarbeit eine Trachtenschneiderin arbeitet, um originalgetreue Trachten herzustellen oder zu restaurieren. Denn die kunstvoll gefertigte Kleidung und somit auch das regionale Handwerk sind nach wie vor gefragt.

Ursprünglich dienten Trachten als Arbeits- und Alltagskleidung der bäuerlichen Bevölkerung, gefertigt aus Leinen, Hanf oder Wolle – in Material, Farbe und Form der jeweiligen Region und dem Beruf angepasst. Bereits im 18. Jahrhundert gab es in der ganzen Schweiz eine grosse Vielfalt an Trachten. Sie waren nicht nur ein Zeichen der beruflichen Zugehörigkeit, sondern kennzeichneten auch die Herkunft und die Region. Was vor rund 250 Jahren vornehmlich für die harte Arbeit genäht wurde, wandelte sich im Laufe der Zeit zunehmend zu festlicher Kleidung und wird heute fast ausschliesslich zu besonderen Anlässen getragen. In der Schweiz gibt es noch über 800 verschiedene Ausführungen, im Kanton Bern über 80 und im Emmental 9 verschiedene Trachten.

 

Am Trachtenbrauchtum wird festgehalten, was von einer lebendigen Tradition zeugt. Das Tragen von Trachten unterliegt immer wieder verschiedensten Einflüssen. Gegenwärtig erlebt das Schweizer Brauchtum – auch bei jungen Frauen und Männern – eher wieder einen Aufschwung, was den spezialisierten Trachtenschneiderinnen viel Arbeit beschert.

 

Das Trachtenschneidern will gelernt sein

Jrene Burkhalter führt ihre Trachtenschneiderei «Die Tradition» seit 2006. Schon als Kind durfte sie an feierlichen Anlässen, zum Beispiel am 1.-August-Umzug im Dorf, in einer Kindertracht teilnehmen. Schliesslich durchlief sie den klassischen Werdegang zur Trachtenschneiderin.

Trachtenschneiderin ist kein Erstberuf. Wer dieses Handwerk erlernen will, muss zuerst eine Lehre als Damenschneiderin abschliessen. Erst danach folgt die spezialisierte Weiterbildung, in der das trachtenspezifische Wissen vermittelt wird. Diese Zweitausbildung umfasst insgesamt 2700 Stunden, die von den Lernenden absolviert werden müssen.

Jrene Burkhalter engagiert sich auch als Ausbildnerin. Annina Grütter, die mitten in ihrer Weiterbildung steckt, ist derzeit die Einzige im Kanton Bern, die diese anspruchsvolle Fachausbildung macht. Sie absolviert diese Zusatzlehre in einem 50-Prozent-Pensum und arbeitet daneben als Masseurin.

Das grosszügige, lichterfüllte Atelier bietet gute Arbeitsbedingungen.

Die Fertigung eines Originals

Bei den Abschlussprüfungen zur diplomierten Trachtenschneiderin müssen die Absolventinnen innerhalb von drei Tagen eine vollständige Gotthelftracht anfertigen und zusätzlich theoretische Fragen beantworten. Grundsätzlich werden für die Herstellung einer Gotthelftracht rund 45 Stunden benötigt. Damit die Zeit während der Prüfungstage reicht, dürfen gewisse Teile – etwa die Unterwäsche – bereits zu Hause vorbereitet und mitgebracht werden.

Die Trachtenschneiderinnen halten sich an die originalen Details, damit die Trachten Trachten bleiben. Die Schweizerische und die Bernische Trachtenvereinigung sowie verschiedene Fachbücher geben genau vor, welche Schnitte, Stoffe und Farben verwendet werden dürfen. So wird sichergestellt, dass eine Berner oder Emmentaler Tracht weiterhin ein Stück Kulturgeschichte bleibt – und nicht zu einem «volkstümlichen Kleid» verwässert wird.

Die Langnauer Tracht ist eine Wiederbelebung. Sie zeichnet sich aus durch einen blauen Kittel mit rotem Beleg sowie ein schwarzes Mieder mit roten Einsätzen und rotem Göller.

Ein Handwerk, das bleibt

In Jrene Burkhalters Atelier zeigt sich, wie viel Können und Geduld hinter jeder Tracht steckt. Alte Stücke werden sorgfältig aufgearbeitet, neue nach genauen Vorgaben genäht. So bleibt ein Stück regionales Handwerk erhalten, das gerade in der heutigen turbulenten Zeit geschätzt wird. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch in Zukunft junge Fachleute für dieses Spezialgebiet interessieren und ausbilden lassen.

Text: Anna Hofer

Bilder: Dyle Berger

Zu lesen in der Ausgabe #70