Wertvoller Sandstein aus dem Emmental
Wer die Spuren des traditionsreichen Baumaterials verfolgen will, der sucht am besten in Krauchthal danach. Hier prägt der dekorative Sandstein das Ortsbild und beweist eindrücklich, wie langlebig das durch harte Arbeit gewonnene Material sein kann.

Schlendert man durch die Ortsteile der Gemeinde Krauchthal, entdeckt man an vielen, meist älteren Gebäuden Bauteile aus Sandstein. Ecklisenen, Terrassen, Treppen, Fenster- und Türstürze, Gesimse etc. fallen auf. Sandsteinabbau hat hier im Dorf eine lange Tradition. Die ältesten Bearbeitungsspuren finden sich auf Thorberg. Es sind Pfostenlöcher im Felsen, die auf die keltisch-römische Zeit datiert wurden.
Der hiesige Sandstein entstand als Sedimentgestein im sogenannten Molassemeer vor rund 20 Millionen Jahren. Versteinerungen, hier etwa Haifischzähne, zeugen davon. Der Stein wird als «Berner Sandstein» bezeichnet, oder einfach als «Chrouchthaler». Er besteht hauptsächlich aus Quarz-, Feldspat-, Kalzit- und Dolomitkörnern.
Das Geschäft mit dem Sandstein
Wir zählen im Gemeindegebiet rund 30 Abbaustellen. Bis auf eine liegen heute alle still. Sechs Steinbrüche wurden kommerziell genutzt, die anderen dienten meist einer Baustelle in der Nähe. Fundamente, Kellergewölbe, Treppen, Terrassen, Einfahrten, Böden, Jauchelöcher, Stützmauern, Brücken, Ofenhäuser, Sitzöfen, Herde und mehr wurden mit Sandstein errichtet.
Aus den sechs grösseren Brüchen wurden Sandsteinblöcke oder fertige Bauteile verkauft. Abnehmer waren vor allem ansässige Bauherren und solche aus dem Mittelland und Seeland. Die Steine wurden per Pferdefuhrwerk in Krauchthal abgeholt oder von hier aus geliefert. Mit der Eisenbahn (ab Hindelbank) verbreitete sich der Krauchthaler Sandstein auch in andere Landesteile.
Schweisstreibender Abbau
Bis Ende der 1940er-Jahre war der Sandsteinabbau reine, harte Knochenarbeit. Die Millionen von gebogenen Schrot- oder Schramfurchen an den Felswänden zeugen davon. Da Sandstein normalerweise im Tagbau gewonnen wurde, musste eine Fläche bis auf den harten Felsen von Bäumen, Sträuchern und Erde befreit und ausgeebnet werden. Nun wurden auf besagter Fläche mit dem Schrotpickel Blöcke skizziert. Diese konnten unterschiedliche Masse aufweisen, je nach Verwendungszweck.
Dann begann die Arbeit der Schroter. Sie pickelten die Blöcke bis zu einer Tiefe von maximal rund 90 Zentimetern frei – mit drei verschieden langen Schrotpickeln. Der Schrotschlitz oder Schram war circa zehn Zentimeter breit. Die letzten 20 bis 30 Zentimeter in der Tiefe mussten kniend gepickelt werden.
Wenn die Blöcke rundum freigeschrotet waren, wurden sie mit Metallkeilen von der Sohle gelöst und, je nach Arbeitsort, auf einen Sandberg («Stucknest») abgeworfen und anschliessend zur Weiterverarbeitung weggebracht. Wichtige Werkzeuge waren da Stockwinde, Stemmeisen und Grageel, eine Art Kran oder Seilwinde.
So arbeitete man sich Lage um Lage oder Satz um Satz in die Tiefe, bis man die Sohle des Steinbruchs erreicht hatte. War dies der Fall, begann derselbe Ablauf wieder von vorn. In Krauchthal sind die Steinbruchwände zwischen 50 und 60 Meter hoch, das heisst, man schrotete bis zu 100 Sätze!
Presslufthammer und Schrämmsäge lösten im Abbau die Schrotpickel ab. Horizontale Schnitte werden heute auch mit der Seilsäge ausgeführt. Im letzten, noch heute bearbeiteten Steinbruch wird aus Steinqualitätsgründen unter Tag abgebaut. Die Hauptkaverne erstreckt sich, leicht abfallend, über 150 bis 200 Meter in den Berg.

Sandsteinfuhrwerk mit einem rund 3 Tonnen schweren Block (Staffelbach (AG)).
Menschen im Steinbruch
Neben der Landwirtschaft und den traditionellen Handwerken war der Steinbruch ein wichtiger Arbeitgeber – und schroten konnte man auch ohne Berufslehre! Anhand der Hauspuren können «linke» und «rechte» Steinbrecher unterschieden werden. Die «Linken» nutzten ihre Linke als Schlaghand vorne auf dem Pickelstiel, die «Rechten» ihre Rechte.
Der heute noch betriebene Steinbruch an der Thorbergstrasse ist seit langer Zeit in Privatbesitz, der Besitzer also auch Arbeitgeber. 1839 liess der damalige Besitzer Althaus unterhalb des Steinbruchs den prächtigen Gasthof zur Sonne bauen, heute «Grubenhaus» genannt. Es ist der schönste Sandsteinbau in der Gemeinde. Hier stiegen die Fuhrleute ab, die Sandstein holten und nicht gleichentags nach Hause zurückkehren konnten. Für die Pferde gab es grosszügige Stallungen.
Die Arbeit im Steinbruch war nicht ungefährlich. Der Umgang mit den tonnenschweren Blöcken, das Verladen vor allem und der Umgang mit den Pferden und Fuhrwerken waren unfallträchtig. Eine Unfallversicherung gab es erst ab den 1920er-Jahren. Dazu kamen der Steinstaub, der zu Silikose (Staublunge) führte, und der Alkohol. Schnaps und Bier gehörten zur Arbeit – und führten die Familien der Steinbrecher oftmals ins soziale Elend. So wurde 1890 in Ostermundigen die erste Sektion des Blauen Kreuzes ausserhalb der Stadt gegründet.
Die Löhne waren tief, oft wurde im Akkord gearbeitet. So vermochte ein guter Arbeiter um 1930 pro Arbeitstag à zehn Stunden rund 2,5 Meter Schrot auf 90 Zentimeter Tiefe zu pickeln. Er verdiente dabei rund fünf Franken pro Meter.
Repräsentative Sandsteinbauten
Hier, am westlichen Rand des Emmentals, wurde traditionellerweise mit Holz gebaut. Die meisten reinen Holzhäuser stammen aus dem 18. Jahrhundert. Doch da der Sandstein als Baumaterial quasi vor der Tür lag, kam auch er zum Einsatz. So sind alle repräsentativen Bauten (fast) reine Sandsteinbauten: Kirche, Pfarrhaus, Thorberg, Mühlen, Schaffnerei Hettiswil, die alten Käsereien und Wirtschaften, das alte Schulhaus und andere mehr. Das älteste erhaltene Sandsteinhaus ist das «Glauserhüsi» am Zugang zum Thorberg. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert und diente dem damaligen Kloster als Gästehaus.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdrängten Beton und Backstein den Sandstein als Baumaterial. Aber dank des grossen Renovationsbedarfs alter Bauten, zum Beispiel in Bern, florierte das Gewerbe weiter. Sandstein ist ein Material, das viel Feuchtigkeit aufnimmt. Kann man dies verhindern, ist er ein dauerhaftes Baumaterial.

Zwischen Kreuz- und Brecherfluh blüht im Frühsommer der Thymian, eine richtige Bienenweide!
Begehrte Sitzöfen
Eine Spezialität aus Krauchthal waren Sitzöfen aus Sandstein. Die Ofenbauer in der näheren und weiteren Umgebung bestellten die nötigen Platten und Füsse. Als Bausatz wurden die Ofenteile ausgeliefert und von den Hafnern eingebaut. Eine grosse Anzahl Carnets enthält lauter Ofenbestellungen.
Als die Steinplatten noch von Hand gehauen werden mussten, bestand ein Block rund zur Hälfte aus Abfall, denn abspalten konnte man die Platten nicht. Erst als Anfang des 20. Jahrhunderts elektrische Gattersägen eingerichtet wurden, konnte ein Block fast zu 100 Prozent genutzt werden. Die wassergekühlte Säge arbeitete auch nachts und schaffte sechs Zentimeter in der Stunde.
Wertvoller Lebensraum
In den schattigen, häufig etwas feuchten Steinbrüchen gedeihen zum Beispiel Schwefelflechten, das Brunnenleber-, Eichen- und Silbermoos. Farne, verrottendes Laub und Holz bieten vielen Kleinlebewesen Raum und Schutz. Im Sand unter der Brecherfluh leben Eidechsen und Ameisenlöwen, während in den Nischen der Felswände Falken, Raben und Wildbienen genistet haben. Im Herbst wurden auch Mauerläufer gesichtet.
Sandstein im Mittelpunkt
Der Sandstein ist für das Museum Krauchthal ein Alleinstellungsmerkmal. Steinmuster zeigen unterschiedliche Qualitäten und Provenienzen. So gibt es zum Beispiel den «Ostermundiger» als blaue, gelbe oder grüne Variante, was mit dem Oxidationsgrad des Minerals Glaukonit zu tun hat. Aus dem Schwarzwald oder Elsass kommt roter Sandstein, aus Trachselwald ziemlich grober.
An grossen Musterplatten sind die gängigsten Oberflächen zu ertasten: Zweispitz, Spitzeisen, Krönel, Fläche und Scharriereisen hinterlassen ihre ganz eigenen Spuren und zeugen vom Können der Steinhauer. Spaziert man in Bern ums Bundeshaus, staunt man über die dekorative Wirkung dieser verschiedenen Oberflächen.
Für die Bearbeitung des Sandsteins von Hand benutzt man seit dem Mittelalter die gleichen Werkzeuge wie das im Museum Krauchthal original ausgestellte. Verändert haben sich der Abbau und die «Vorarbeit». Dabei kommen heute auch computergesteuerte Fräsen zum Einsatz.
Einen authentischen Blick in die Sandsteinwelt bietet der frei zugängliche Sandsteinpfad rund um die Kreuzfluh.
Text: Ulrich Zwahlen
Bilder: zvg
Museum Krauchthal
Der gemeinnützige Museumsverein Krauchthal betreibt und fördert das Museum Krauchthal und den zugehörigen Sandsteinpfad. Neben den ständigen Ausstellungen «Sandstein», «Thorberg» und «Dörfliches Kulturgut» finden regelmässig Sonderausstellungen statt. Aktuell ist «Hub – der Nabel der Welt?» zu sehen.
Weitere Informationen und die Öffnungszeiten finden Sie unter www.museumkrauchthal.ch.